Wir brauchen Lösungen. Immer und überall und im Moment ganz besonders, denn: Die Probleme unserer Zeit sind hochkomplex. Klimakrise, Krieg, Pandemien, Artensterben, Inflation, … Vieles ist miteinander verbunden und bedingt einander.
Um hier die richtigen Lösungen zu finden, gilt es, das jeweilige Problem in seiner Tiefe zu durchdenken, Zusammenhänge zu verstehen, Transformationen anzustoßen.
Doch wie oft geben wir uns mit der erstbesten Lösung, ja gar nur mit Scheinlösungen zufrieden?!
Warum?
Weil wir uns nicht gerne verändern. Weil die erstbeste Lösung meist bequem ist. Oder weil wir tatsächlich das Problem nicht in seiner ganzen Tragweite erfassen und uns nicht die Zeit nehmen, bis zu seiner Wurzel des durchzudringen.
Auch wenn Sie vielleicht nur die Lösung für ein kleineres Problem als das Artensterben suchen, hier unser Vorschlag: Kombinieren Sie klassische Techniken zur Problemlösung doch einmal mit Schreiben. Und schauen Sie, wie tief Sie Ihr Problem durchdringen können.
Beispiel Mobilitätswende
Was meinen wir, wenn wir sagen: Manche „Lösungen“ lösen in Wirklichkeit gar nicht das eigentliche Problem? Nehmen wir E-Autos als Beispiel dafür, wie ein bloßer Teil einer Lösung als die ganze Lösung verkauft wird.
Um den Verkehr schnellstmöglich CO2-neutral zu machen, fokussieren sich viele darauf, Verbrenner einfach durch E-Autos zu ersetzen. So müssten wir nämlich nur die Autoproduktion umstellen und die Ladeinfrastruktur ausbauen.
Die Folgen: Es wird weiterhin mindestens genauso viele Autos geben wie bisher, nur fahren sie nun elektrisch. Auch das Netz an Straßen und Autobahnen, die Parkplätze in den Innenstädten: All das könnte bleiben wie es ist. Gottseidank und wie beruhigend!
Wirklich?
Eindimensionale „Lösungen“ bringen uns nicht weiter: Wir brauchen die ganze Lösung
Mit dem Ansatz „E-Auto statt Verbrenner“ wird in Wirklichkeit nur ein Symptom bekämpft, „ohne das ganze Bild zu sehen“, wie Maja Göpel in ihrem aktuellen Buch „Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von morgen“* kritisiert.
Laut Göpel hören wir oft viel zu früh auf zu fragen, worin das grundlegende Problem besteht, das wir lösen wollen. Wir machen uns nicht ausreichend klar, wo das langfristige Ziel liegt, das wir mit unseren vielen schrittweisen Investitionen und Innovationen erreichen wollen.
Echte Lösungen zu finden, verlangt die Bereitschaft, Zusammenhänge zu verstehen; den strukturellen, systemischen Charakter der Probleme zu erkennen und die richtigen Ziele zu setzen.
Schreiben Sie sich zur Wurzel des Problems vor – mit dem „Problembaum“ und Freewriting
Doch wie gelingt das? Hier kommt der „Problembaum“ ins Spiel. Vielleicht kennen Sie ihn aus dem Projektmanagement? Wir ergänzen ihn um die Kraft des Schreibens.
Die Struktur des Problembaums hilft Ihnen, die Komplexität des Problems zu visualisieren und die verschiedenen Ebenen zu sortieren. Und so geht’s:
Schritt 1
Zeichnen Sie einen Baum, er kann organisch aussehen, wie ein echter Baum oder eine abstrakte Struktur haben, ganz, wie es Ihnen gefällt. In den Stamm schreiben Sie das Problem, so wie Sie es für sich erfassen.
Die Wurzeln sind die Ursachen für das Problem. Sie können Hauptwurzeln ausbilden und auch Nebenwurzeln und dadurch die Ursachen ausdifferenzieren.
Die Äste sind die Folgen des Problems. Auch hier lassen sich Hauptäste und Nebenäste aufmachen.
Damit es anschaulicher ist, mache ich dies am konkreten Beispiel „Verkehrswende“ – ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Zunächst habe ich den Stamm gezeichnet und als Problem formuliert: „CO2-Emissionen durch Verkehr“.
Schritt 2
Nun stelle ich mir einen Timer und schreibe 5 Minuten frei zu diesem Thema. Dabei folge ich drei Regeln:
Ich
So lasse ich meine Gedanken einfach fließen.
Nun werte ich meinen Text aus: Welche wichtigen Punkte habe ich gefunden?
Mein Text zeigt mir: „Verbrenner versus E-Auto“ ist gar nicht das eigentliche Problem, sondern gehört in den Wurzelbereich des Problembaums. Der Verbrenner ist eine Ursache. Das Problem ist viel umfassender: Es ist unsere autozentrierte Verkehrspolitik.
Was sind die Ursachen dafür? Ich schreibe auch dazu wieder 5 Minuten drauflos und werte meinen Text aus.
Als Ursachen habe ich – unter anderen – identifiziert: Industrialisierung, Wohlstand in den Industrieländern, Wert der individuellen Freiheit, Wohnen im Grünen und Arbeiten in der Stadt, Flexibilität der Arbeitswelt, …
Nun trage ich die bis jetzt gefundenen Ursachen in den „Wurzelbereich“ des Problembaums ein.
Doch halt: Habe ich denn schon alles gefunden? Ich nehme mir einen der Punkte heraus und schreibe wieder 5 Minuten dazu. So schreibe ich mich Text für Text in immer tiefere Ebenen der Ursachen hinein.
Die weiteren Ursachen, auf die ich dabei komme, trage ich ebenfalls in den Problembaum ein: unsere Wirtschaftsweise, unseren Umgang mit Natur usw. Jetzt sind wir aber schon ganz schön tief.
Über diese Reflexion zu den Ursachen bin ich, schreibend, auf das eigentliche Problem gekommen: unsere autozentrierte Verkehrspolitik und Mobilität, die aus dem Weltbild der Moderne – oder grenzen wir es ein, der 1950er Jahre – und der Vorstellung von unbegrenztem Wachstum und Naturverbrauch stammt.
So ist unser Verkehrsnetz überwiegend autofreundlich gestaltet – und damit leider feindlich gegenüber allen anderen, ressourcenschonenderen, Formen von Mobilität. Und damit bin ich schon bei den Folgen.
Schritt 3
Auch hierzu schreibe ich jeweils meine Texte, hier ein Auszug:
„Mit der S-Bahn brauche ich dreimal so lange von Frankfurt nach Wiesbaden, Gießen oder Mainz wie mit dem Auto. Mit dem Fahrrad bange ich jeden Tag um meine Sicherheit im Straßenverkehr, muss mir den Weg mit Fußgänger:innen teilen, gegen die eigentliche Fahrtrichtung fahren und mich ständig fragen: „Warum hört der Fahrradweg einfach hier auf?“ ** …
… und fülle die Äste meines Problembaumes: Es geht um viel mehr als die bloßen CO2-Emissionen beim Fahren.

Der Problembaum zeigt: Viel mehr Veränderungen sind nötig, wenn wir unsere Städte und Landschaften bewohnbar halten wollen: ein viel sparsamerer Ressourcenverbrauch, das Entsiegeln von Flächen, damit die insgesamt abnehmenden Regenmengen einerseits und der zunehmende Starkregen andererseits versickern und ins Grundwasser gelangen können; Platz zum sicheren Fahrradfahren und Zufußgehen, ein attraktiver Öffentlicher Nahverkehr, Stadtbegrünung, um der Hitze zu trotzen und die Aufenthaltsqualität zu verbessern usw.
Schreiben darf auch manchmal schwer sein
All dies ist mühsam, es kostet Zeit. Sich diese Zeit zu nehmen, kommt uns in unserer schnelllebigen Zeit vielleicht wie ein Luxus vor, den wir uns nicht leisten können.
Aber wir müssen die Probleme, die wir haben, zunächst gründlich durchdenken, in ihrer Tiefe durchdringen. Nur so können wir Lösungen entwickeln, die der Komplexität der Probleme gerecht werden und nicht neue Probleme erzeugen.
An welchem Problem arbeiten Sie gerade? Entwickeln Sie dazu doch mal einen Problembaum und schreiben Sie sich zu den Wurzeln des Problems vor – anstatt es nur im Kopf zu durchdenken.
Wenn Sie mögen, schreiben Sie uns und zeigen Sie uns Ihren Baum.
Herzlichst
Franziska Nauck und Nadja Buoyardane
Granatgrün
Quellen:
* Maja Göpel, Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von morgen, Berlin 2022
** Song zur Frage: https://www.youtube.com/watch?v=nqF9chK05YM
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