„Ich habe eine ernstgemeinte Frage …“ – Achtung, wenn Sie diese Einleitung hören oder lesen! Es könnte sein, dass da jemand mit Ihnen eine Partie Taubenschach spielen möchte.
Taubenschach, was soll das sein?
Als „Taubenschach“ wird eine Diskussion bezeichnet, die eine Person nur führt, um (sich und) dem Publikum den Eindruck zu vermitteln, sie habe die Diskussion gewonnen. Diese Art des fruchtlosen Austausches ist besonders häufig bei Twitter, LinkedIn etc. zu finden.
Der „Taube“ geht es in dieser Diskussion nicht darum dazuzulernen oder sich auf einen echten Austausch zum Thema einzulassen. Es geht ihr nur darum, sich in ihrer Position bestätigt zu fühlen.
So gut Sie sich mit Ihrem Thema auch auskennen, die „Taube“ wird alle Ihre Spielfiguren einfach vom Schachbrett fegen, anschließend einen fetten Haufen aufs Brett machen und herumstolzieren, als hätte sie gewonnen.
Besonders fies: die „Seelöwen-Eröffnung“
Es gibt verschiedene Arten, Taubenschach zu eröffnen. Mit „Ich habe eine ernstgemeinte Frage“ beginnt die so genannte Seelöwen-Eröffnung, Sealioning* genannt. Die „Taube“ nimmt die Gestalt eines Seelöwen an. (Warum es ausgerechnet ein Seelöwe ist, dazu kommen wir noch.)
Das Fiese daran: Diese Eröffnung wirkt ganz harmlos – indem jemand anscheinend echtes Interesse an Ihrem Thema anmeldet.
Und ehe Sie sich‘s versehen, spielen Sie Taubenschach, obwohl Sie sich vielleicht sogar vorgenommen haben, sich niemals auf so etwas einzulassen.
Ein Beispiel:
Kürzlich habe ich, Nadja, auf Twitter gesehen, wie ein etablierter Forscher seines Gebiets völlig ahnungslos in einen solchen Seelöwen-Angriff lief. Der Forscher hatte über neue Ergebnisse aus seinem Bereich getwittert, die er interessant fand und deshalb der Twitter-Gemeinde mitteilen wollte.
Ein User stellte daraufhin eine Frage „aus ehrlichem Interesse“: Er wollte wissen, woher der Forscher denn die Beweise für seine Aussage habe: Quellenangabe?
Der Forscher, ganz Wissenschaftler, lieferte daraufhin einen Link zu der Studie.
Doch dies war dem User nicht genug. Er zog die Studie sofort in Zweifel und verlangte mehr Beweise.
Der Forscher – vermutlich immer noch im Wissenschaftsmodus – antwortete mit weiteren Links, unter denen der User sich eingehender über das Thema informieren könne.
Wenn Sie geübt in Social Media sind, ahnen Sie sicher, wie es weitergeht: Der User forderte weitere Beweise. Die Studien seien doch sicher von XYZ finanziert. Er möchte andere Studien sehen.
Der Forscher verwies darauf, man könne in den Veröffentlichungen sehen, wer die Studien finanziert habe.
Danach ging es in etwa so weiter: Ob der Experte denn die Studie oder Aussage von ABC kenne und wie er angesichts der ABC-Ergebnisse seine Thesen weiterhin vertreten könne etc.
Der Forscher wurde ungehalten: Er habe jetzt genügend Links zur Verfügung gestellt. Der User könne sich also von dort aus selbst informieren. Es sei schon spät und er wolle nun weiter in Ruhe ein Fußballspiel im Fernsehen schauen. – Er hat anscheinend wirklich geglaubt, dem „Seelöwen“ ginge es darum, etwas dazuzulernen.
Während der Forscher sich aus der Diskussion zurückzog, stolzierte der Seelöwe alias die Taube auf dem Schachbrett herum: Was das für eine Art sei, mit jemandem zu diskutieren! So würde man aber Menschen nicht überzeugen, dass dies ernstzunehmende Ergebnisse seien usw. Da würden wohl die Argumente fehlen …
Was will der Seelöwe
Analysieren wir, was geschehen war: Der Seelöwe tut so, als sei er ernsthaft an einem Gespräch mit dem Forscher interessiert – nur um dann mit einer Beweisanfrage nach der nächsten zu kommen. Egal, wie viele Beweise, Studien oder Argumente der Forscher gebracht hätte, sie wären nicht genug gewesen.
Ziel ist es zum einen, Zweifel an der Expertise zu säen. Zum anderen soll das Gegenüber mürbe werden und schließlich aufgeben. Wenn es sogar ausfallend wird, kann der Seelöwe in aller Harmlosigkeit darauf hinweisen, er habe ja nur gefragt.
Der häufigste Rat: Don‘t feed the Troll! Das Beste sei, sich nicht auf solche Diskussionen einzulassen und dem Seelöwen so keine Reichweite zu geben.
Aber was, wenn es, wie in unserem Beispiel, nun mal geschehen ist? Hat der Forscher die Diskussion schon verloren, weil er sich darauf eingelassen und schließlich einfach den Dialog abgebrochen hat?
Don‘t feed the troll – Soll die Aussage des Seelöwen denn unwidersprochen bleiben?
Egal, was man dem Seelöwen antwortet: Es wird ihn nicht überzeugen. Das ist die wichtigste Erkenntnis. Trotzdem kann es sinnvoll sein, dem Seelöwen zu antworten.
Vier Tipps:
1. Sie können aus der Sicht des Seelöwen nicht gewinnen. Antworten Sie trotzdem.
Der Seelöwe will Ihre Expertise in Zweifel ziehen. Nur seine Sichtweise gelten lassen. Die Antworten sind daher gar nicht für den Seelöwen bestimmt – sondern für die Mitlesenden.
Vertrauen Sie darauf, dass die Mitlesenden interessiert sowie intelligent genug sind, um das Spiel zu durchschauen. Die Links zu den Studien, die der Forscher also gepostet hat, dienen den wirklich interessierten dazu, das Thema tiefer zu verstehen.
2. Omm … locker bleiben, auch wenn’s schwer fällt
Versuchen Sie, locker und entspannt zu antworten. Werden Sie niemals ausfallend. Antworten Sie sachlich oder auch mit etwas Humor. Es geht nicht darum, den Seelöwen zu besiegen – es gilt, die Mitlesenden auf Ihre Seite zu bringen.
3. Verwischen Sie die Spuren des Seelöwen nicht
Lassen Sie böse Kommentare oder den „Triumph“ des Seelöwen ruhig stehen. Löschen Sie nichts. So können die Mitlesenden die gesamte Diskussion verfolgen – und sich selbst ein Bild machen. Diejenigen, die das nicht verstehen, sind vermutlich ebenfalls eher Seelöwen oder Tauben.
4. Keine Lust mehr? Dann steigen Sie aus!
Wenn der Seelöwe nicht aufgeben will, nutzen Sie die technischen Möglichkeiten, die Sie zur Verfügung haben: stumm schalten oder blockieren. Ihre Mitlesenden können noch immer alles sehen und werden sich ihr eigenes Bild machen.
*Zum Schluss: Woher kommt der Begriff Sealioning?
Vielleicht fragen Sie sich schon die ganze Zeit, was es mit diesem Seelöwen oder sealion auf sich hat. Der Begriff Sealioning geht auf einen Comic-Strip aus dem Jahr 2014 namens Wondermark von David Malki zurück. In dem Comic äußert eine der Figuren, sie könne auch gut ohne Seelöwen leben. Ein Seelöwe hört dies und verfolgt sie nun bis hinein in ihr Schlafzimmer. Dabei besteht er immer wieder darauf, er möchte Beweise, worauf die Aussage der Protagonistin sich gründet. Hier geht es zum Comic: http://wondermark.com/1k62/
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