Vor ein paar Tagen stieß ich auf einen kleinen Twitter-Thread mit einer Sammlung japanischer Lebensweisheiten. Beim Lesen fiel mir auf: Viele dieser Weisheiten lassen sich direkt aufs Schreiben übertragen. Hier sind die magischen sieben:
Weisheit Nummer 1: Oubaitori – Vergleichen Sie sich nicht mit anderen
Kirschen, Pflaumen, Pfirsiche oder Aprikosen: Können Sie sagen, welche Blüten schöner sind? Vermutlich nicht. Jede ist es auf ihre Weise schön. Die einzelnen Blüten lassen sich nicht miteinander vergleichen.
So wie jede dieser Blüten auf ihre ganz eigene Art zu ihrer ganz eigenen Zeit blüht, so hat auch jeder Mensch seine ganz eigenen Talente, Schönheiten und Fähigkeiten, die zu ihrer jeweiligen Zeit zum Tragen kommen.
Eigentlich wissen wir es längst, und doch machen wir es immer wieder: Uns mit anderen zu vergleichen, ist der beste Weg, uns unglücklich zu machen. Das gilt auch fürs Schreiben. Ihre eine Kollegin schreibt einen ähnlich komplexen Text schneller als Sie? Ihr Kollege geht beim Schreiben planvoll vor, während Sie einfach drauflos schreiben? Wann immer Sie sich mit den beiden vergleichen, fühlen Sie sich ungenügend. Dabei ist es normal, dass jeder Mensch ein eigenes Tempo beim Schreiben hat und anders herangeht. Allein dies zu erkennen, kann erleichternd wirken und Ihr Schreiben beflügeln.
Ihr Schreibtempo, Ihr Schreibstil, Ihre Herangehensweise an den Text sind in Ordnung – solange Sie Ihr persönliches Ziel erreichen. Bewerten Sie sich daher nicht mit den Maßstäben anderer, sondern immer nur im Vergleich mit Ihren eigenen Fähigkeiten.
Weisheit Nummer 2: Kaizen – Verbessern Sie sich kontinuierlich
Kaizen ist die Philosophie, nichts als gegeben anzunehmen, sondern als im ständigen Wandel. Alles lässt sich immer noch ein klein bisschen verbessern. Kleine Verbesserungen summieren sich und führen mit der Zeit zu großen Verbesserungen.
Aufs Schreiben übertragen: Nehmen Sie sich immer nur kleine Veränderungen vor und setzen Sie sie nach und nach um.
Sie wollen zum Beispiel Ihren Schreibstil verbessern, klarer und verständlicher schreiben? Dann nehmen Sie sich zuerst einmal nur vor, kürzere Sätze zu schreiben. Wenn Ihnen dies gelingt, achten Sie darauf, möglichst kurze Wörter zu verwenden. Dann kommt die nächste Stilregel, z. B. mehr aktiv statt passiv zu schreiben. Schritt für Schritt werden Sie so besser.
Sie glauben, Sie schreiben bereits gut? Wunderbar. Fragen Sie sich trotzdem stets: Was kann ich noch verbessern? Wir sind sicher: Sie werden etwas finden.
Weisheit Nummer 3: Wabi-sabi – Akzeptieren Sie Unvollkommenheit
Vermutlich ahnen Sie, worauf es bei dieser Weisheit hinausläuft: Akzeptieren Sie, dass Sie und wir und alle anderen Menschen sind – und Fehler machen.
Aufs Schreiben übertragen: Streben Sie nicht danach, den perfekten Text zu schreiben. Ein guter Text genügt. Akzeptieren Sie, dass Ihr Text vielleicht immer noch ein wenig besser ginge – es aber auch einmal genug ist, daran zu arbeiten.
Bevor Sie also Ihren Text zum siebenundzwanzigsten Mal lesen und immer noch an den Formulierungen feilen oder noch den letzten Tippfehler aufspüren wollen, der sich ganz sicher im Text versteckt hat: Lassen Sie los und erklären Sie den Text für fertig. Vielleicht hilft Ihnen dabei unsere Profi-Erfahrung: Es versteckt sich immer, immer, immer noch irgendwo ein Fehler. Allerdings werden Sie diesen immer erst entdecken, nachdem der Text veröffentlicht ist. 😉
Sie finden, dies steht im Widerspruch zu Weisheit Nummer 2, dem Streben danach, sich kontinuierlich zu verbessern? Nein. Sich zu verbessern ist gut, Perfektionismus bremst.
Weisheit Nummer 4: Mottainai – Wirf nichts unnötig weg, sondern schätze seinen Wert
Was im ersten Moment vielleicht klingt wie ein guter Rat, um unsere Welt zu schützen, ist auch ein guter Rat in Bezug auf Ihre eigenen Texte: Schätzen Sie Ihre eigenen Texte und überlegen Sie, wo Sie diese noch einsetzen können. Kurz: Recyceln Sie Ihre Texte. Das gilt für ganze Texte genauso wie für einzelne Passagen.
Vielleicht passt ein von Ihnen geschriebener Absatz nach dem Überarbeiten nicht mehr in Ihren Text. Löschen Sie ihn trotzdem nicht endgültig. Kopieren Sie ihn lieber in eine andere Datei. Wenn Sie das nächste Mal über ein ähnliches Thema schreiben, können Sie vielleicht darauf aufbauen.
Weisheit Nummer 5: Gaman – Begegnen Sie schwierigen Aufgaben mit Würde
Schreiben ist nicht immer leicht. Ja, oft ist es sogar ziemlich schwierig. Und manchmal möchte man am liebsten aufgeben, den Text unvollendet lassen und sich etwas Neuem zuwenden.
Bleiben Sie dran.
Auch wenn Sie vor Wut am liebsten Ihren Computer durchs Fenster werfen oder vor Verzweiflung, weil Sie einfach nicht weiterkommen, weinen möchten: Versuchen Sie, gelassen zu bleiben. Atmen Sie tief durch, nehmen Sie Abstand.
Vielleicht machen Sie zwischendurch etwas, was Ihnen Spaß macht und/oder leichtfällt. Gehen Sie mit dem Hund spazieren, machen Sie Sport, backen Sie einen Kuchen – wenn Sie etwas Distanz zu Ihrem Text gewonnen haben, sieht alles gleich wieder besser aus. Atmen Sie noch einmal tief durch und gehen Sie wieder an die Arbeit.
Wenn Sie sich schließlich durch die Arbeit am Text gebissen haben, genießen Sie das gute Gefühl, die Sache zu Ende gebracht zu haben. Das stärkt Ihre Geduld und Ihre Ausdauer fürs nächste Mal. Im Übrigen beachten Sie dabei Weisheit Nummer 3: Akzeptieren Sie Unvollkommenheit.
Weisheit Nummer 6: Shikita ga nai – Akzeptieren Sie, was Sie nicht ändern können, und lassen Sie los
Nicht immer liegt es in unserer Kontrolle, was nach dem Schreiben mit einem Text geschieht. Redaktionen kürzen einen Text. Ihre Führungskraft will Änderungen oder schreibt Ihren Text gar selbst um. Ihr Text erscheint in einem anderen Zusammenhang als geplant. Die E-Mail ist abgeschickt und der in Rage formulierte Satz lässt sich nicht mehr streichen. Es gibt so vieles, was sich unserer Kontrolle entzieht. Also: Akzeptieren Sie, was Sie nicht ändern können, und lassen Sie los.
Weisheit Nummer 7: Omoiyari – Kümmern Sie sich um andere
Das Leben ist einfach besser, wenn wir uns um unsere Mitmenschen kümmern. Das gilt auch beim Schreiben. Seien Sie offen dafür, andere Schreibende zu unterstützen. Geben Sie Feedback auf die Texte Ihrer Kolleg:innen, denn gezieltes, konstruktives Feedback macht einen Text fast immer besser.
Oder geben Sie Ihre Erfahrung und Ihre Ressourcen weiter – indem Sie etwa diesen Newsletter weiterempfehlen.;) Vielleicht ziehen Ihre Kolleg:innen auch ein paar Einsichten daraus für ihr Schreiben.
Ihre Daten behandeln wir streng vertraulich gemäß unserer Datenschutzerklärung.