← Zurück zum Blog

Können Sie gut zuhören?

Achtung! Suggestivfrage: Welche Menschen (und Unternehmen) mögen Sie lieber: diejenigen, die vor allem um sich selbst kreisen und nur ihre Botschaft aussenden oder jene, die ihr Ohr öffnen, Ihnen zuhören und Ihnen so das Gefühl geben, wichtig zu sein?
Wir vermuten mal, Sie mögen Menschen (und Unternehmen) lieber, die Ihnen zuhören und auf Ihre Bedürfnisse eingehen. Komisch nur: Wenn es um Tipps zum erfolgreichen Kommunizieren geht, steht fast immer das Senden im Mittelpunkt. ­­­

Doch wenn Sie gut kommunizieren wollen: Hören Sie zu! Erst wenn wir verstehen, wie unser Gegenüber tickt, können wir eine Beziehung aufbauen. Oder ableiten, wie er oder sie sich zum Beispiel für unsere Ideen einnehmen lässt.

Zuhören kostet Zeit und Energie. Manchmal, etwa bei kontroversen Themen, auch Mut. Aber die Investition lohnt sich, denn Sie bekommen eine Menge zurück: Wertschätzung, Zuneigung, Öffnung, Kooperationsbereitschaft. Kurz: Zuhören macht echte Kommunikation erst möglich.

Ein Beispiel, wie Kommunikation manchmal nur durch Zuhören gelingt

Ganz am Anfang meiner Zeit als Redakteurin in einem Berliner Architekturverlag erhielt ich einmal eine erboste E-Mail: Einer der namhaften Architekten war mit der Präsentation seines Projekts in unserem aktuellen Sammelband überhaupt nicht einverstanden.
Mein Chef sagte zu mir: „Ruf den mal an, klär‘ das mal.“ Darauf hatte ich, unerfahren wie ich war, eher wenig Lust. Mein Magen zog sich zusammen, schwitzende Hände, weiche Knie, … Zögernd wählte ich die Nummer des Architekten – nicht wissend, was ich ihm sagen sollte.

Vielleicht hat mich aber genau das gerettet: Ich musste nämlich gar nichts sagen – außer meinen Namen und worum es ging. Der Architekt redete einfach. Zuerst aufgebracht, wiederholte seine Kritik – und ich, ich hörte nur zu. Allmählich verschwand die Schärfe aus seinem Ton, er wurde immer zahmer; das Ganze verlor offenbar an Wichtigkeit. Am Ende scherzten wir sogar und gingen freundlich-versöhnlich auseinander.

Was war passiert mit meinem Gesprächspartner? Warum wandelte sich seine Stimmung so grundlegend? Indem ich ihm zuhörte, habe ich ihm ein Grundbedürfnis erfüllt: nach Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Öffnung und Vertrauen. Wir alle kennen dieses Gefühl.

Doch warum fällt es uns so schwer zuzuhören? Vier Erklärungen

a) Unsere Kultur belohnt die Lauten

Unsere Kultur ist auf Senden ausgerichtet. Um Karriere zu machen, müssen wir auffallen; Beliebtheit ist wichtig. Und so kümmern wir uns in erster Linie um unsere eigene Sichtbarkeit oder eben darum, dass andere UNS zuhören. Zudem finden wir es oft viel interessanter, über uns selbst zu reden.

Wie oft hören wir daher während eines Gespräches nur halb zu, immer schon mit der Überlegung beschäftigt, an welcher Stelle wir mit unserer eigenen Story einhaken, was wir als nächstes zum Besten geben können. Doch: Wenn alle nur senden, wird niemand gehört.

b) Mental Load und Multitasking

Richtiges Zuhören erfordert die ganze Aufmerksamkeit, sie sei „die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit“, sagt die Philosophin Simone Weil. Richtiges Zuhören braucht ungeteilte Zeit.
Die Regel hingegen ist: Wir teilen unsere Zeit, weil wir glauben, keine Zeit zu haben. So recherchieren wir noch schnell etwas im Internet, räumen die Spülmaschine aus oder bedeuten unserem Kind in Zeichensprache, es möge bitte sein Zimmer aufräumen, während wir telefonieren. Kurz: Wir hören nur mit dem halben Ohr zu.

c) „Closeness-communication bias“

Sie diskutieren beim Abendessen mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin ein Thema, über das Sie schon oft gesprochen haben. Passiert es Ihnen da auch manchmal, dass Sie den Satz Ihres Gegenüber selbst vervollständigen, weil Sie meinen, bereits zu wissen, was gleich gesagt wird?

Hier handelt es sich um eine Verzerrung der Wahrnehmung in der Kommunikation mit Menschen, die uns nahestehen. Doch wissen Sie wirklich, was der andere Mensch sagen will? Wenn Sie Ihrem Gegenüber nicht zuhören, können Sie nichts Neues erfahren. Daher lohnt es sich, die Person ausreden zu lassen.

d) Was wir hören, gefällt uns nicht

Eine Position anzuhören, die wir nicht teilen, ist oft schwer. Gerade wenn dabei unsere wichtigsten Werte infrage gestellt werden. Wir wollen dies gar nicht hören, uns nicht damit auseinandersetzen, weil es uns aufwühlt, ärgert, wir uns dadurch in unserem Selbstverständnis vielleicht sogar angegriffen fühlen.
Dann beharren wir lieber auf unserer eigenen Sicht, wiederholen unsere Position immer lauter und lassen die andere Person gar nicht zu Ende sprechen.

Warum Sie erst durch Zuhören lernen, wie Sie Ihr Anliegen überzeugend vermitteln

Senden, senden, senden, das ist das Mantra vieler Kommunikationsstrategien. Dies war lange Zeit (teilweise bis heute) auch die Kommunikationsstrategie der Klimaschutzbewegung. Denn man glaubte, der Grund, warum Menschen ihre Einstellung nicht änderten, sei einfach fehlendes Wissen.

Mike S. Schäfer, Professor an der Universität Zürich mit Schwerpunkt Klimawandel- und Umweltkommunikation sagt dazu: „Man hat das Phänomen des Klimawandels erklärt. Das war auch sinnvoll und wichtig, weil die Erderwärmung noch nicht im Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung angekommen war.“*

Aber auf diesem Weg erreicht man nur eine Minderheit der Adressierten. Denn dieser Ansatz ignorierte eine wichtige Tatsache: Nur wenige Menschen ändern ihre Werte, Einstellungen, Ideologien und Identitäten auf der Basis von Fakten.

Es verhält sich umgekehrt: Aufgrund ihrer Werte und Einstellungen, Ideologien und Identitäten nehmen Menschen Fakten häufig nur selektiv wahr – oder deuten sie teils sogar um, sodass sie ihre Ansichten oder ihr Selbstbild stützen, siehe Punkt d).

Daher ist laut Schäfer mittlerweile etwas anderes wichtiger als die neuesten naturwissenschaftlichen Daten und Fakten zu vermitteln: sich auf sein Gegenüber in der Debatte einzustellen, um „zu wissen, wie das Gegenüber tickt. Mit wem man spricht, und was ihn oder sie umtreibt. Zuhören ist dafür essenziell.“

Und gleichzeitig dafür, eine respektvolle Beziehung zum Gegenüber herzustellen, in der die Person sich gehört und respektiert fühlt, Raum bekommt und Wertschätzung. All das sind notwendige Bedingungen für das Gelingen von Kommunikation.

Also: Können Sie gut zuhören? 😉


GranatgrünQuelle:* https://www.klimafakten.de/meldung/einen-grossteil-der-menschen-koennte-man-mit-besserer-kommunikation-zu-mehr-klimaschutz

Bereit für bessere Texte?

Buchen Sie jetzt ein kostenloses und unverbindliches Beratungsgespräch.
© 2025 Granatgrün. Alle Rechte vorbehalten.

Newsletter

Alle 14 Tage ein Impuls für Ihre wirkungsvolle Kommunikation

Ihre Daten behandeln wir streng vertraulich gemäß unserer Datenschutzerklärung.