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Von Stehzeugen und wahren Preisen: Wie Sie mit Wandelwörtern neue Perspektiven schaffen

So ein Sommerurlaub ist doch herrlich! Sonne, Berge, Meer, Strand – abschalten, Seele baumeln, Bücher lesen in der Hängematte. Das Ganze in Südfrankreich – einfach wunderbar!
Naja fast: Von der Arbeit abzuschalten hat bei mir, Franziska, super geklappt. Nicht so gut geklappt hat das Abschalten von der Klimakrise: Hitzewelle, Brände am Atlantik, Dürre, Wassermangel allerorten!

Persönlich hatten wir zwar Glück und haben weder Feuer noch Wassermangel ganz unmittelbar zu spüren bekommen – dennoch haben uns die Nachrichten berührt; den verbrannten Wald hinter der großen Düne von Pilat mit eigenen Augen zu sehen, hat uns betroffen gemacht.

Betroffenheit verändert unseren Blick

So traurig es ist: Persönliche Betroffenheit ist auch eine Chance. Denn verschiedene Studien[1]

belegen: Extremwetterereignisse, von denen wir selbst betroffen sind, führen tendenziell dazu, dass wir der Klimakrise mehr Aufmerksamkeit schenken.

Solange sich solche Katastrophen in fernen Ländern abgespielt haben, konnten wir unsere psychologische Distanz zur Klimakrise bewahren. In diesem Jahr jedoch erleben wir auch in Deutschland den trockensten Sommer seit Beginn der Messungen. Wie könnten wir uns da der Dringlichkeit zu handeln noch entziehen?!

Die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz – nutzen wir sie

Wir wissen aber auch, dass diese Art der Aufmerksamkeit schnell wieder durch andere Themen abgeleitet wird: spätestens, wenn der Herbst einbricht und wir vor neuen Herausforderungen betroffen sein werden. Daher müssen solche Zeitfenster genutzt werden, um wirksame Maßnahmen zu entwickeln – und zu kommunizieren.

Und da sind wir genau bei unserem Thema: Kommunikation. Wie sprechen – oder schreiben – wir über unsere neue Realität? Welche Worte wählen wir? Werden die Wörter und Begriffe, mit denen wir bisher unsere Welt beschrieben haben, der aktuellen Realität noch gerecht?

Die Welt wandelt sich rasant. Dafür braucht es neue Wörter

Obwohl unser hervorstechendster Vorteil im Laufe der Evolution war, dass wir uns stets an sich verändernde Lebensbedingungen anpassen konnten, tun wir uns momentan wirklich schwer mit Veränderungen. Wir halten an bekannten Denk- und Verhaltensweisen fest – auch wenn sie nicht mehr in die Zeit passen.

Denken kommt vor Handeln. Bevor wir unser Verhalten ändern, braucht es daher den Wandel im Kopf: im Denken und in der Sprache. Unsere Sprache beeinflusst, wie wir unsere Realität wahrnehmen, sie zeigt, welchen Wert wir den Dingen zuschreiben.

Nutzen Sie Wörter, die zum Denken anregen – und neue Perspektiven ermöglichen

Um zu erkennen, dass Veränderung nötig ist, brauchen wir einen neuen Blickwinkel auf die Realität – dabei helfen neue Bezeichnungen. Wörter, die unsere gewohnten Zuschreibungen aufbrechen und unser Denken verändern. Wir haben dafür ein paar Beispiele zusammengetragen.

Nehmen wir strahlenden Sonnenschein und hohe Temperaturen. Solange wir einen wolkenlos blauen Himmel weiterhin stets nur als „schönes Wetter“, Bade- oder Grillwetter benennen, entgeht uns der Wandel der Bedeutung: ungetrübter Sonnenschein ist kein schönes Wetter mehr, wenn die Pflanzen verdorren und die Flüsse versiegen. 36, 38 und mehr Grad sind kein angenehmer Sommertag mehr, der entspannt zum Baden einlädt. Und Grillwetter bietet dieser Sommer nur, wenn wir es in Zukunft gerne noch heißer und trockener haben wollen.

Was wäre also, wenn wir in Sommern wie diesen nicht mehr von Badewetter, sondern von Waldbrandwetter sprechen?

Fahrzeuge sind Stehzeuge

Mein Lieblingsbeispiel ist das Wort Stehzeuge. Ich habe es zum ersten Mal bei Maja Göpel gelesen, einer der engagiertesten und einflussreichsten Ökonominnen und Nachhaltigkeitsforscherinnen Deutschlands.[2]

Es ermöglicht einen Perspektivwechsel – weg von der Sicht des Auto fahrenden Individuums hin zur Perspektive der vielfältigen Stadtgemeinschaft: Die Pkw bringen – im Gegensatz zu dem, was uns die Autowerbung einflüstern will, – keine grenzenlose Freiheit. Im Gegenteil. Sie stehen die meiste Zeit des Tages herum. Wenn nicht auf dem Parkplatz, dann häufig im Stau.

Sie versperren Wege für Radfahrer und Fußgänger. Sie versperren die Sicht für kleine Leute und machen unsere Straßen unsicher. Sie blockieren den öffentlichen Raum, den man für so vieles andere nutzen könnte: für Kinder zum Spielen, zum Sitzen und Ausruhen, zum Flanieren und Radeln, für Bäume und Sträucher zum Wachsen, für Grünflächen, in denen Wasser versickern kann.

Der Begriff Stehzeug drückt das so treffend aus, dass ich mir sofort alle Alternativen her wünsche: ein fahrradfreundliches Frankfurt, einen richtig guten Nahverkehr, Bus on Demand, Carsharing und so weiter.

Genau das ist die Kraft des Perspektivwechsels: Erst irritiert der neue Begriff, dann bringt er uns zum Nachdenken und zum Schluss gewinnen wir einen neuen Blick auf die Welt.

Wertschöpfung beinhaltet Schadschöpfung

Ein zweites Beispiel ist der Begriff Schadschöpfung [3]

. Sie erkennen sofort, dass sie an den für unsere Wirtschaft zentralen Begriff der Wertschöpfung angelehnt ist – mit umgekehrtem Fokus.

Billigflüge, Billigfleisch oder Billigmode funktionieren nur, weil wir den Schaden, der dabei entsteht, nicht einpreisen. Durch unsere Art zu wirtschaften, produzieren wir nicht nur Werte, wir richten auch Schäden an. Bei der Produktion eines Handys genauso wie bei der Ernte von Bananen.

Der Begriff der Schadschöpfung macht dies bewusst und ist auch dazu geeignet, das Prinzip des grenzenlosen Wachstums, auf dem unsere Wirtschaft beruht, ins Wanken zu bringen. Maja Göpel formuliert es so:

„Es gilt neu zu verhandeln, was den Wohlstand der Menschen übermorgen ausmacht. Dafür brauchen wie neue Begriffe und Konzepte, die ausdrücken, was wir künftig wichtig finden. Planetenzerstörung darf nicht mehr Wachstum heißen. Reine Geldvermehrung nicht länger Wertschöpfung. Grenzen des Wachstums sollten Überwindung der ökologischen und sozialen Schadschöpfung heißen.“[4]

Wenn wir uns diese Schadschöpfung bewusst machen, dann wird es glasklar, dass wir die Kosten, um diesen Schaden zu vermeiden, mit einpreisen müssen: die Kosten für menschenwürdige Arbeitsbedingungen, die Kosten, um umweltfreundlich zu wirtschaften usw.

Daraus ergeben sich dann die wahren Preise [5]

für Produkte und Dienstleistungen. Es ist also nicht der Umweltschutz, der kostet, es sind die Schäden, die eingepreist werden. Genau das macht das Wort Schadschöpfung sichtbar.

Aus Verzicht wird Gewinn

Wir können den Wandel schaffen, wenn wir uns auf andere Werte besinnen, den Fokus verändern. Dann kann aus dem Verzicht, vor dem wir so viel Angst haben, Gewinn werden. – Und ich meine hier ausdrücklich nicht den Verzicht auf eine Grundversorgung mit Energie, guter Nahrung, Kleidung, sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung und Bildung. – Nein, ich meine den Verzicht auf eine Menge überflüssiger Dinge (welche das sind, das dürfen Sie sich selbst überlegen). Diese Art von Verzicht führt am Ende zu: mehr Gesundheit von Natur und Mensch, mehr Vielfalt, mehr Gemeinwohl – mehr von dem, was uns Menschen guttut.

Indem wir die Wörter, mit denen wir unsere Realität beschreiben, verändern, verändern wir unsere Wahrnehmung. Wir verschieben den Fokus. Wir betrachten die Welt nicht mehr aus der Perspektive, die wir gewohnt sind, sondern sehen etwas ganz Neues.

Welche Wandelwörter sind Ihnen begegnet oder eignen sich für Ihre Kommunikation?

Hier noch die Quellen:

[1] Hier im Detail nachzulesen: https://www.klimafakten.de/meldung/was-kommt-nach-der-flut-so-veraendern-wetterextreme-die-wahrnehmung-der-klimakrise
[2] Maja Göpel, Unsere Welt neu denken, Ullstein 2020
[3] Göpel, ebd., S. 74 ff.
[4] Göpel, ebd., S. 96
[5] Nachlesen bei Katharina Reuter, Geschäftsführerin des Bundesverbands nachhaltige Wirtschaft, zum Beispiel hier: https://werde-magazin.de/blog/2021/08/12/wir-brauchen-wahre-preise-und-transparente-lieferketten/

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