„Faszinierend!“ Das dachten wir, als wir auf die Feeling-as-Information-Theorie stießen – und uns darüber klar wurden, was daraus für wirkungsvolle Texte folgt.
Die Feeling-as-Information-Theorie wurde in den 1980er von dem Sozialpsychologen Norbert Schwartz entwickelt. Sie besagt: Wir Menschen nehmen unsere Gefühle als vertrauenswürdige Quelle von Informationen wahr und nutzen sie, um eine Situation zu bewerten.
Dies gilt auch, wenn wir Texte lesen. Je nachdem, ob wir froh oder traurig sind, ob uns kalt oder warm ist, bewerten wir einen Text anders. Unsere Gefühle, die wir beim Lesen haben, betrachten wir als Informationen zum Text. Selbst, wenn sie gar nichts mit der Sache – oder dem Text – an sich zu tun haben.
Also selbst wenn wir nur frieren, weil ein Fenster geöffnet ist, kann es sein, dass wir einen Text als „unterkühlt“ geschrieben wahrnehmen – zumindest solange uns nicht bewusst ist, dass es am geöffneten Fenster liegen könnte.
Was heißt das nun für Ihre Texte? Wie können Sie diese Einsichten nutzen, um wirkungsvoll(er) zu kommunizieren?
Alles Stimmung oder was? – die unterschiedlichen Arten unserer Gefühle
Zunächst einmal unterscheiden wir verschiedene Arten von Gefühlen: Da sind die körperlichen Empfindungen. Wir empfinden etwas als warm oder kalt, schmerzhaft oder angenehm, sind hungrig oder durstig. Oder fühlen uns unwillkürlich angestrengt, sobald wir unsere Augenbrauen zusammenziehen.
Dann haben wir Emotionen wie Wut oder Freude. Diese haben meist einen konkreten Auslöser und ebben schnell wieder ab. Anders verhält es sich mit unseren Stimmungen. Diese sind oft diffuser und zeitlich nicht so leicht eingrenzbar. Manchmal genügt ein strahlend blauer Himmel, um uns fröhlich, ein Regentag, um uns traurig zu stimmen.
Hinzu kommen kognitive und meta-kognitive Gefühle. Kognitive Gefühle haben etwas damit zu tun, wie wir Dinge bewerten – als langweilig oder interessant, vertraut oder fremd usw. Sie verraten uns etwas über unseren Wissenstand.
Die meta-kognitiven Gefühle kommen ins Spiel, wenn wir über unser eigenes Denken nachdenken und daraus Schlüsse ziehen.
Wann wir aus unseren Gefühlen Informationen über einen Text ableiten – und wann nicht
Fühlen wir uns während des Lesens eines Textes gut, bewerten wir den Text besser, vertrauen den Aussagen eher, akzeptieren die Argumentationslinie fragloser. Fühlen wir uns nicht so gut, sind wir kritischer, durchleuchten jedes Argument tiefer, halten den Text daher unter Umständen für schlechter und weniger überzeugend.
Nun sind wir Menschen zwar gut darin, unsere Gefühle wahrzunehmen. Wir sind aber nicht sehr gut darin zu erkennen, was diese Gefühle auslöst. Meist gehen wir davon aus, dass unsere Gefühle von dem ausgelöst werden, worauf wir uns konzentrieren – etwa von dem Text, den wir gerade lesen.
Selbst wenn unsere Gefühle nichts mit dem Text, sondern nur mit unserer allgemeinen Stimmung zu tun haben, übertragen wir sie auf den Text und sehen den Text als deren Auslöser.
Gefühl als Information? Das Bewusstsein macht den Unterschied
Wenn uns allerdings von außen bewusst gemacht wird, dass unsere miese Stimmung nichts mit dem Text zu tun hat – zum Beispiel, weil jemand uns auf den grauen Regentag aufmerksam macht – gelingt es uns, unsere Gefühle von der Sache zu trennen und den Text als solchen zu bewerten.
Dies geschieht ebenfalls, wenn wir genug über ein Thema wissen. Je mehr andere – sachliche – Anhaltspunkte wir haben, um einen Text zu bewerten, umso weniger greifen wir auf unsere Gefühle zurück. Verfügen wir also über genügend Expertise zu einem Thema, können wir eher beurteilen, ob unsere Gefühle durch die Sache oder etwas anderes hervorgerufen werden.
Ein Beispiel:
Es regnet seit Tagen, es ist grau und ich, Nadja, fühle mich niedergeschlagen. Nun lese ich einen Text, in dem ein neues Verfahren beschrieben wird, um Plastik rückstandslos abzubauen. Davon verstehe ich wenig, glaube aber, mal gehört zu haben, dass viele Verfahren nicht so gut funktionieren wie erhofft.
Da ich generell nicht in guter Stimmung bin, lese ich den Artikel kritisch. Ohne es zu merken, ziehe ich beim Lesen die Augenbrauen zusammen – ein Zeichen für Anstrengung. Unbewusst halte ich den Inhalt des Textes für die Ursache dieser Bewegung. Dabei ist der eigentliche Grund für die Anstrengung beim Lesen das schlechte Licht an diesem ein dunklen, regnerischen Tag. Das ist mir jedoch nicht bewusst.
Nun kommt Franziska pitschnass aus dem Regen ins Büro. Macht das Licht an und schimpft darüber, wie eklig und grau es draußen ist. Sofort wird mir bewusst, woher meine miese Stimmung kommt – und ich bin in der Lage, diese vom Text zu trennen.
Anderes Beispiel:
Gleiches Szenario: Trüber Tag, gedrückte Stimmung. Nur dieses Mal lese ich einen Text, in dem es um eine neue Methode aus der Schreibdidaktik geht (mein Spezialgebiet). Wie gesagt: Gleiche Stimmung, gleiche Situation.
Doch nun gelingt es mir, meine zusammengezogenen Augenbrauen als das zu deuten, was sie sind: der Versuch, bei schlechtem Licht zu lesen. Schließlich weiß ich genug über das Thema, um nicht auf meine Gefühle als Quelle für Informationen zum Thema zurückgreifen zu müssen.
Auch wird mir bewusst, dass dieser regnerische Tag auf meine Stimmung schlägt. Diese kann ich nun vom Text trennen. So wirkt sie sich nicht mehr auf meine Beurteilung des Textes aus.
Gefühle werden als Informationen bewertet: Wie Sie sich darauf einstellen können
Wir finden diese Theorie, wie gesagt, „faszinierend“ und haben uns Gedanken gemacht, was das für Ihre – und natürlich auch für unsere – Kommunikation bedeutet:
1. Sorgen Sie für Wohlbefinden: Wenn Sie wollen, dass Ihre Präsentation gut läuft, schaffen Sie eine Atmosphäre, in der sich Ihre Zuhörerschaft wohlfühlt. Angenommen, Sie möchten ein neues Energiesparkonzept vorstellen. Drehen Sie dabei lieber die Heizung ein Grad höher, damit Ihr Publikum nicht friert. Stellen Sie Kekse und Obst bereit, damit niemand Hunger bekommt. Warum? Sie könnten sonst unbewusst diese unangenehmen Gefühle auf Ihr Energiesparkonzept übertragen.
2. Erwähnen Sie es explizit, falls Sie mit Ihrem Text negative Gefühle auslösen: Sie schreiben über ein Geschehen, das alle, die davon hören, wütend macht? Dann erwähnen Sie explizit in Ihrem Text, dass diese Geschichte wütend macht. Damit machen Sie dem Leser, der Leserin bewusst, woher dieses Wutgrummeln im Bauch kommt. Und dass es nichts Ihrem Text bzw. mit Ihnen, sondern mit der Sache zu tun hat, die Sie beschreiben. Das Gleiche gilt, wenn Sie Bilder mit negativem Inhalt verwenden, zum Beispiel hungernde Kinder, sterbende Wälder, Ozeane voller Plastik. Wir glauben nämlich: Dass es häufig die Überbringer:innen schlechter Nachrichten sind, die die Empörung und Wut der Menschen abkriegen, könnte sich mit der Feeling-as-Information-Theorie erklären lassen.
3. Gestalten Sie Ihre Texte gut lesbar. Allein das Zusammenziehen der Brauen beim Lesen genügt, um dies als Anstrengung und kritische Haltung zu deuten. Damit wird Ihr gesamter Text als anstrengend empfunden und kritischer durchleuchtet als nötig – selbst wenn Ihr Schreibstil leicht und verständlich ist. Nutzen Sie daher eine klare Schrift, nicht zu fein und ausreichend groß. Auch der Kontrast von Schriftfarbe und Hintergrund sowie die Qualität des Papiers bei Printtexten spielen eine Rolle: Schwarz auf Weiß liest sich immer noch am leichtesten.
4. Erzeugen Sie in Ihrem Text eine gute Stimmung, wenn Sie überzeugen möchten: Nehmen Sie in Ihrem Text eine positive Perspektive ein. Betonen Sie Chancen und Lösungsansätze stärker als Risiken und Nachteile. Denn positiv gestimmte Menschen reagieren wohlwollend und lassen sich leichter überzeugen. Negativ gestimmte Menschen hingegen lesen anders: Sie sind generell kritischer und brauchen wesentlich stärkere Argumente, um sie zu überzeugen. Und manchmal können die Argumente noch so wasserdicht sein – wer sich wegen schlechter Laune nicht überzeugen lassen will, wird es auch nicht tun.
Fortsetzung zum Thema folgt. Kleiner Teaser: Es wird um unsere kognitiven und meta-kognitiven Gefühle gehen und wie sich etwa Erinnerungsfähigkeit und Lesegeschwindigkeit auf Ihre Kommunikation auswirken.
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