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Pluralistische Ignoranz – wie wir unsere Mitmenschen unterschätzen und was das für unsere Kommunikation bedeutet

In meiner lokalen Initiative für Klimaschutz war die Stimmung bis vor kurzem ziemlich im Keller: Wir fühlten uns erschöpft, ernüchtert, etwas verloren. Mitglieder ziehen sich zurück, aus gesundheitlichen oder familiären Gründen, die Arbeit lastet auf immer weniger Schultern. Vor allem hatten wir den Eindruck: Das öffentliche Interesse schwindet.
Also fuhren wir unsere Aktivitäten, Ambitionen und unsere Kommunikation zurück und beschränkten uns auf die Aktionen, die uns vor allem Spaß machen. Parallel dazu pflegten wir das Bild von den gleichgültigen, egoistischen Mitmenschen, die einfach nicht verstehen wollen, was auf dem Spiel steht (ja, auch wir sind allzu menschlich).

Da schickte mir eine Freundin den Link zu einem Artikel über eine Studie, die 2024 in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ erschienen ist. Überschrift:

„Die stille Klimaschutz-Mehrheit.
Menschen unterschätzen systematisch die Bereitschaft anderer, aktiv zum Klimaschutz beizutragen und das Thema ernst zu nehmen.“*

Wow, das sprach mich sofort an.

Für die Studie haben Forscherinnen und Forscher der Universitäten Bonn und Frankfurt am Main um den Wirtschaftswissenschaftler Armin Falk und den Verhaltensökonom Peter Andre knapp 130.000 Menschen in 125 Ländern zwei Fragen gestellt: 

  1. Wären Sie bereit, jeden Monat ein Prozent Ihres Einkommens für den Kampf gegen die Erderwärmung herzugeben? 
  2. Was schätzen Sie, von 100 befragten Menschen in Ihrem Land: Wie viele geben an, dass sie dazu bereit sind?

Das Ergebnis hat mich überrascht

69 Prozent der Menschen weltweit sind demnach bereit, ein Prozent ihres Einkommens für Klimaschutz auszugeben.

Aber: Die Befragten schätzen den Anteil der Mitmenschen, die ebenfalls dazu bereit wären, im Schnitt auf nur 43 Prozent.

Das heißt: Sie unterschätzen die Bereitschaft ihrer Mitmenschen, etwas für den Klimaschutz zu tun – und das um 26 Prozent.

Überraschend für die Forschenden – und auch für mich: wie stark sich der Effekt mit Blick auf die Bereitschaft zum Klimaschutz weltweit nachweisen lässt.
Dieses Phänomen heißt „pluralistische Ignoranz“.

Pluralistische Ignoranz: Welche Folgen hat diese Fehleinschätzung?

Wir Menschen richten im Allgemeinen ihr Verhalten stark danach aus, was andere Menschen von ihnen erwarten – oder was wir glauben, das sie von uns erwarten.
Auf politischer Ebene wird aktuell zu wenig für den Klimaschutz getan. Aufgrund der pluralistischen Ignoranz liegt da der Schluss nahe: Das Thema ist anderen einfach weniger wichtig als uns.

Für uns als Verein heißt das, wir wurschteln in unserer überschaubaren Blase weiter. Aus Überzeugung, Idealismus, vielleicht ein bisschen aus Trotz, weil wir gar nicht sehen, wie viele vielleicht mitmachen würden.

Die Vermutung liegt nahe, dass die politischen Entscheider*innen diesem Trugschluss genauso erliegen: Sie trauen der Mehrheit der Menschen nicht zu, für wirksame Klimaschutzmaßnahmen gewisse Kosten und Zumutungen in Kauf zu nehmen.

Was heißt die pluralistische Ignoranz für unsere Kommunikation?

Wenn wir glauben, dass sowieso niemand mitziehen will, kommunizieren wir unsere Botschaften zu zurückhaltend. Wer sich also allein fühlt mit seiner Haltung, bleibt eher still.

Wenn wir aber wissen, die Mehrheit denkt ähnlich wie wir, gewinnen wir Motivation, Zuversicht und Handlungsmut – und kommunizieren dadurch gleich viel mutiger, klarer und einladender.

Und genau das brauchen wir jetzt: den Mut, laut zu sagen, wofür wir stehen und was wir tun – und andere so zu ermutigen, das auch zu tun.

Einsicht motiviert und kann politisches Handeln ankurbeln

Auf der politischen Ebene bedeutet die Einsicht in die pluralistische Ignoranz in Sachen Klimaschutz: Die Ausrede, die Menschen wollen das nicht oder die notwendigen Kosten sind ihnen nicht zuzumuten, wäre damit vom Tisch. Die Entscheider könnten sich auf die mehrheitliche Unterstützung bei dem Thema berufen und Maßnahmen so beherzt angehen, wie es erforderlich ist.

Im Verein hat es funktioniert: Bei unserem letzten veganen Koch-Event haben wir bei den Teilnehmenden wie immer darum geworben, Mitglied in unserem Verein zu werden. Allerdings haben wir dieses Mal anders kommuniziert als sonst: selbstbewusst, direkt, mit der klaren Botschaft „Ihr seid nicht allein, ihr könnt Teil der Lösung sein.“

Vorher waren wir da deutlich zurückhaltender – haben wir doch erwartet, dass die Bereitschaft der Menschen dort, sich klimapolitisch zu engagieren, beim leckeren pflanzlichen Essen schon an ihre Grenze stößt.

Was soll ich sagen: Fünf ausgefüllte Anträge sind das Ergebnis.

* Quelle: https://www.tagesschau.de/wissen/klima/klima-psychologie-100.html

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