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„Sind Sie dumm?“ – Wie wir ableistische Sprache vermeiden und inklusiver kommunizieren

In den vergangenen Wochen gab es vieles, worüber sich die Gemüter erhitzten: in Sonneberg wurde der erste AfD-Landrat gewählt, im Süden Europas herrscht eine extreme Hitzewelle, ein Lkw-Fahrer überfährt fast einen Aktivisten der Letzten Generation.
In den (Sozialen) Medien kochten die Diskussionen (und die Emotionen):

„AfD-Wähler sind dumm.“
„Boah, Sintflut im Norden, 44 Grad im Süden. In Spanien spielt das Wetter verrückt.“
„Die spinnen doch, die Aktivisten der Letzten Generation!“
„Wie krank kann man sein und einfach losfahren?!“
„Die sind auf dem rechten Auge blind!“
Und wie immer gilt: „Alles Idioten außer mir.“

Ich, Nadja, möchte mit Ihnen nicht darüber sprechen, ob diese Aussagen stimmen, sondern darüber, was dahintersteckt, wenn wir Wörter wie dumm, krank, verrückt, blöd, idiotisch verwenden: nämlich Ableismus.

Und das meist so unbewusst, dass sich auch in professionellen Texten ableistische Sprache findet. „Wenn eine Nation taub, blind und stumm wird“ titelt zum Beispiel der Spiegel über die Reaktion der russischen Bevölkerung auf die Grausamkeiten von Butscha. Taub. Blind. Stumm. Drei körperliche Einschränkungen, um die Gleichgültigkeit der russischen Bevölkerung zu beschreiben*.

Ableismus: Die Gesunden sind die Norm – alles andere weicht ab
Hä? Werden Sie jetzt vielleicht jetzt denken. Was ist daran ableistisch? Und: Was ist Ableismus überhaupt?

Zunächst: Der Begriff Ableismus leitet sich vom Englischen „be able to“ ab. Das heißt auf Deutsch in etwa „fähig sein, etwas zu tun“. Ableismus beschreibt die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen.

Ableistische Redewenden sind in unserer Sprache so selbstverständlich, dass sie den meisten nicht-behinderten Menschen kaum auffallen. So wird dumm, blöd oder idiotisch häufig benutzt, um eine schlechte Entscheidung zu umschreiben oder jemanden zu verspotten, der etwas nicht verstanden hat. Wenn wir die Gründe für eine Handlung nicht verstehen, so nennen wir etwas krank oder verrückt. Eine Person, die langsam ist, nennen wir lahm.

Warum sind solche Ausdrücke diskriminierend? Sie gehen davon aus, dass es einen körperlichen und geistigen Idealzustand gibt: gesund, ohne körperliche und geistige Einschränkungen, keine seelischen Erkrankungen. Und dieser Idealzustand wird als „normal“ angenommen. In diesem Idealzustand haben alle zwei Beine, können gehen, sehen, hören, lesen sowie logisch und abstrahierend denken. Chronisch kranke und behinderte Menschen werden dieser Norm aber nicht gerecht.

Es gibt mehr Menschen mit Behinderungen als wir denken
7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen leben in Deutschland, das sind 9,4 Prozent der Bevölkerung. In diese Definition fallen nur die Menschen, die einen anerkannten Behinderungsgrad von über 50 Prozent haben. Schließen wir die Menschen mit weniger als 50 Prozent Behinderungsgrad sowie chronisch Kranke ohne anerkannte Behinderung ein, so sind es etwa 13 Millionen Menschen in Deutschland (Stand: 2017**). Grob gerechnet 15 Prozent.
Im Alltag nehmen wir Menschen mit Behinderung jedoch oft kaum wahr; unter anderem weil wir behinderte Menschen strukturell ausschließen. Gebäude, Verkehrsmittel und Wege sind meist nicht barrierefrei; zudem sieht man nicht jede Behinderung und gesundheitliche Einschränkung auf den ersten Blick.

Ableismus ist tief in unserer Sprache und Gesellschaft verwurzelt
Ich gebe es zu: Vor der Pandemie ist mir selbst nicht bewusst gewesen, wie ableistisch unsere Gesellschaft – und unsere Sprache – ist. Dann hat die Kulturanthropologin in mir die gesellschaftlichen Strömungen in der Notfall-Phase der Pandemie und nun in der Übergangsphase zur Endemie beobachtet.

Vielleicht ist es Ihnen auch aufgefallen, wie leicht es uns als Gesellschaft fiel, Menschen mit Behinderungen und gesundheitlichen Einschränkungen – die so genannten Vulnerablen – von der Teilhabe am sozialen Leben auszuschließen. Ganz einfach, indem wir (und damit meine ich die gesellschaftliche Mehrheit der gesundheitlich nicht Eingeschränkten) ihnen die Rücksichtnahme und den Infektionsschutz aufgekündigt haben. Damit die „Normalen“ wieder ganz „normal“ leben können.

So ist ein Theater- oder Konzertbesuch, bei dem nur diejenigen eine FFP-Maske tragen, die sich schützen wollen, und keine HEPA-Filter vor Ort die Luft reinigen, für Menschen, die sich unter keinen Umständen infizieren sollten, ein riskantes Unterfangen. Klar, der Besuch ist möglich. Aber es bleibt die Risikoabwägung: Ist es ein Event wert, danach vielleicht noch kränker zu werden? Nach Corona einen weiteren Herzinfarkt, Schlaganfall oder allgemein eine Verschlechterung des Gesundheitszustands zu riskieren? (Gleiches gilt inzwischen übrigens auch für Arztpraxen und Krankenhäuser. Eigentlich per Definition die Orte, an denen sich (vor-)erkrankte und behinderte Menschen öfter aufhalten).

Ableistische Sprache schließt Menschen aus
Auch angesichts der steigenden Umfragewerte der AfD ist die Kulturanthropologin in mir besorgt: Pandemien sind immer Zeiten der Krise, der Destabilisierung, der Neuanpassung. Die letzte große Pandemie vor Corona war die Spanische Grippe von 1918 bis 1920. In ihrer Folge gab es weltweit zwischen 50 und 100 Millionen Tote, unzählige chronisch Kranke, zahlreiche verarmte Familien und Waisen. Das hatte gesellschaftliche Konsequenzen.

Nach Kristian Blickle, einem Analysten für Umweltrisiken der New York Fed, erstarkte die NSDAP in den Regionen, in denen es die meisten Grippe-Toten gab, besonders. Dies hat vielfältige Ursachen: weniger Geld in den Gemeindekassen und dadurch weniger Unterstützungsleistungen für die Armen. Gleichzeitig traf dies auf tief verwurzelten Antisemitismus und Ressentiments gegenüber Außenseitern. Vielleicht erinnern Sie sich noch aus dem Geschichtsunterricht: Die ersten, die von den Nationalsozialisten systematisch ausgeschlossen und dann ermordet wurden, waren behinderte und chronisch kranke Menschen.

Hier treffen sich in mir die Kulturanthropologin, die sich für unsere gesellschaftlichen Entwicklungen interessiert, und die Schreibberaterin und Texterin: Sprache prägt unser Denken. Sie schließt Menschen ein – oder eben aus.

Je mehr wir in unseren Texten also von taub, blind, hysterisch, krank, behindert, gestört oder sagen wir vulnerabel sprechen, umso mehr festigen wir die Diskriminierung kranker und behinderter Menschen. Setzen pumperlgesund und stark als die Norm – und schließen kranke und behinderte Menschen als die Anderen aus.

Wenn wir in einer inklusiven Gesellschaft leben wollen, sollten wir daher auch inklusiv sprechen und schreiben. Das ist nicht immer leicht, weil viele ableistische Ausdrücke und Redewendungen so tief in unserem Sprachschatz verwurzelt sind. Dafür sensibilisiert zu sein, ist aber ein Anfang.

Zum Abschluss noch ein paar Alternativen für ableistische Wörter und wertende Ausdrücke:

  • Dumm >> schlecht, irritierend, anstrengend, nervig
  • Auf taube Ohren stoßen >> ignorant sein, desinteressiert, ohne Ergebnis geblieben
  • Blind sein >> ignorieren, nicht sehen wollen, etwas übersehen, die Augen verschließen
  • Verrückt >> schockierend, bizarr, unglaublich, überwältigend, empörend
  • An den Rollstuhl gefesselt sein >> jemand sitzt / fährt im Rollstuhl, benutzt einen Rollstuhl, ist auf einen Rollstuhl angewiesen, ist im Rollstuhl unterwegs
  • Leidet unter XY >> Der Mensch hat XY.

Überlegen Sie einmal, welche Möglichkeiten fallen Ihnen noch ein? Oftmals sind diese Alternativen viel präziser als der ableistische Ausdruck, der einem vielleicht zuerst in den Sinn kommt.

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