Fachtexte, Analysen, Gutachten: Im Beruf entstehen viele Texte oft im Team. Und darin liegt oft Konfliktpotenzial. Die Zusammenarbeit an einem Text kann zu einer Zerreißprobe für das Team werden. Denn die wenigsten von uns haben in der Ausbildung oder im Studium gelernt, worauf es beim Schreiben im Team ankommt.
Mit Dr. Eva-Maria Lerche spreche ich darüber wie kollaboratives Schreiben, also Schreiben im Team, gelingt. Eva-Maria Lerche ist Schreibberaterin und Systemische Coachin in Münster (www.Schreibraum.ms). Sie unterrichtete wissenschaftliches und berufliches Schreiben. Ihr Foku beim beruflichen Schreiben liegt dabei vor allem auf der Frage: Wie gelingt Schreiben im Team.
Wir reden darüber was der Unterschied zwischen kollaborativem Schreiben und kooperativem Schreiben ist. Außerdem sprechen wir darüber, warum es wichtig ist, den Weg zum Text in den Fokus zu rücken und sich nicht nur auf das fertige Endprodukt „Text“ zu konzentrieren.
Selbstverständlich gibt es auch Tipps, worauf es vor und während der Zusammenarbeit zu achten gilt damit der Text am Ende gut wird – und das Team die Zusammenarbeit am Text übersteht.
Hör dir das Gespräch auf Spotify an oder schau es als Video auf Youtube.
Falls du lieber liest, haben wir hier das Transkript. Damit der Text leichter lesbar ist, haben wir ihn an einigen Stellen ein wenig geglättet.
Nadja (00:34)
Hallo, herzlich willkommen zum Granatgrün-Podcast. Heute spreche ich mit Eva-Maria Lerche über das Thema „Kollaboratives Schreiben“. Wir kennen das alle. Wir müssen im Team einen Text schreiben, doch das läuft nicht so einfach, wie wir uns das vorstellen. Deswegen spreche ich heute mit Eva darüber, aber am besten ist, bevor wir in das Thema einsteigen, stelle ich doch mal kurz vor.
Eva (00:59)
Ja, wie du schon gesagt hast, mein Name ist Eva Lerche. Ich komme aus Münster und bin als selbstständige Schreibcoachin tätig. Auch im Schwerpunkt für wissenschaftliches Schreiben, aber eben auch für berufliches und kreatives Schreiben, weil ich gerade diese Verbindungen immer sehr schön finde. Und im beruflichen Schreiben habe ich den Schwerpunkt, wie man eben im Team sinnvoll schreiben kann, weil das eben oft so ein Konfliktpunkt ist, an dem es auch mal im Team zerlegen kann.
Nadja (01:25)
Bevor wir in das Thema „Kollaboratives Schreiben“ einsteigen, kannst du mir erklären oder uns erklären, was ist der Unterschied zwischen kollaborativem Schreiben und kooperativem Schreiben?
Eva (01:38)
Also erstmal heißt kollaboratives Schreiben einfach zusammen Texte produzieren. Aber es gibt im kollaborativen Lernen einen entscheidenden Unterschied zum kooperativen Lernen und den finde ich sehr wichtig. Und zwar geht es darum, dass ich nicht nur eine Aufgabe erfülle, sondern den Prozess, den Weg hin zum Text gemeinsam aushandle. Und im kooperativen Schreiben könnte ich sagen, naja, es ist eigentlich vorgegeben, wie wir vorgehen Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Und im kollaborativen Schreiben geht es ganz stark um dieses Aushandeln von einem gemeinsamen Lösungsweg hin zum fertigen Text.
Nadja (02:15)
Eva (02:21)
Also ein Grundproblem im beruflichen Schreiben ist, dass wir in der Regel nicht wirklich systematisch gelernt haben, unseren Schreibprozess zu steuern. Und deshalb ist das so eine Blackbox. Wir wissen nicht so genau, ja, wie kommen wir zum fertigen Text.
Und wenn wir jetzt zusammen Texte schreiben, kann es sein, dass da sehr unterschiedliche Vorgehensweisen aufeinandertreffen und alle denken: „Naja, aber mein Vorgehen funktioniert ja, also ist es das Richtige.“ Und zum Beispiel, wenn jetzt Leute, vorher sehr stark eine Struktur entwickeln und dann erst schreiben, auf eine Person treffen, die erst mal drauf losschreibt und während des Schreibens strukturiert oder im Überarbeiten strukturiert, dann kann das schon mal schiefgehen.
Und zwar nicht, weil eine Person es falsch macht, sondern weil unterschiedliche Schreibstrategien aufeinander treffen. Und hier ist eben wichtig, erst mal auszuhandeln, offen zu legen, wie gehen wir eigentlich vor im Schreiben? Und das braucht natürlich ein Bewusstsein dafür, was ich hier eigentlich im Schreiben mache, und dann zu gucken, wie kann so ein gemeinsamer Weg aussehen?
Und ein anderer Punkt ist, das Schreiben bedeutet, also ein Text bedeutet, sich festzulegen. Und es kann eben gut sein, dass es latente Konflikte gibt, die sich plötzlich manifestieren in diesem Text. Dass es zum Beispiel ungeklärte Rollen gibt, ungeklärte Verantwortlichkeiten, die so bisschen nebeneinander ko-existieren können. Und in dem Moment, wo wir einen Text schreiben und es wirklich auf den Punkt bringen müssen, ja, müssen wir quasi Farbe bekennen. Und dann können eben dadurch auch Konflikte einfach hervorbrechen.
Nadja (03:48)
Du hast jetzt gesagt, man muss sich dessen auch bewusst sein. Was ist denn deine Erfahrung?
Eva (03:58)
Ich glaube, das hängt sehr stark vom Team ab. Der entscheidende Punkt ist, dass Schreiben ganz viel mit Kommunikation zu tun hat. Auch gerade dieses Schreiben vor dem Schreiben zu klären. Was ist das Textziel? Was sind unsere Adressat:innen? Was wollen wir überhaupt für eine Botschaft auf den Punkt bringen? Und ich würde sagen, das ist sehr unterschiedlich in Teams. Wie gut sie darin geschult sind, das vorher zu klären. Ich glaube, das Hauptproblem ist, dass den wenigsten bewusst ist, dass es überhaupt einen Schreibprozess gibt.
sondern der Blick ist auf das Produkt und man kommt da irgendwie hin. Und das ist eben das Schwierige, weil ich kann gemeinsam Prozesse aushandeln, wenn ich mir bewusst bin, dass es überhaupt ein Prozess ist.
Nadja (04:39)
Eva (04:42)
Ja, Also das Wichtigste ist erst mal, denke ich, dieses Ernst zu nehmen, dass ich mir sehr viel Zeit vor dem Schreiben nehmen muss. Gerade wenn Teams unter Zeitdruck stehen, denken sie: „Ach, wir verteilen mal schnell die Textteile oder die Aufgaben und dann legen wir irgendwie los.“ Und dann handeln sie das, was noch nicht geklärt ist, über den Text aus. Und das ist schwierig. Und deshalb ist es gut investierte Zeit zu sagen, wir setzen uns vorher hin, wir nehmen uns wirklich Zeit, wir handeln aus.
Zum Beispiel auch Feedback schleifen. Wer gibt wem in welcher Form Feedback? Wer handelt die Struktur aus? Wir überlegen wirklich auf den Punkt gebracht, wen möchten wir ansprechen? Was ist unsere Botschaft? Also ganz viel Zeit, zu nehmen, vorher, bevor ich überhaupt anfange, zu schreiben. Und ich würde immer sagen, je mehr ich unter Zeitdruck stehe, desto mehr Zeit nehme ich mir vorher. Weil hinterher dauert es immer länger und es ist gut investierte Zeit vorher. Also dieses Schreiben vor dem Schreiben und dieses Reden drüber vor dem Schreiben ernst zu nehmen ist der erste Tipp.
Der zweite Tipp ist, offen darüber zu reden, wie die Einzelnen im Schreiben fortgehen und sich dabei von dieser Vorstellung zu lösen, es gibt eine richtige oder eine falsche Schreibstrategie. Sondern ernst zu nehmen, die einen kommen auf diese Weise zu ihrem Textziel, die anderen auf eine andere Weise. Beide Wege sind richtig, aber wenn sie nicht zusammenpassen, muss man sich einigen und nicht mit diesem Blick. „Ich mach’s aber richtig und die andere macht’s falsch“, sondern zu sagen, okay, wir haben unterschiedliche Strategien, wir müssen irgendwie aushandeln, wie wir die zusammenbringen. Also Offenheit über das Vorgehen im Schreiben.
Und der dritte Teil, ich finde ja in Deutschland, wir haben immer noch so eine etwas fehlerfeindliche Lernkultur und Schreibkultur. Und an der Stelle würde ich immer sagen, Friendly-Feedback-Kultur etablieren. Also wo es eine Feedback-Kultur gibt, die auf Vertrauen basiert.
Aber vor allem auch darauf, nicht nur den Text zu sehen, sondern die Person hinter dem Text. Also klar zu sehen, da ist ein Mensch, der diesen Text geschrieben hat und diese Person ist auch verletzlich in ihren Texten, weil sie zeigt sich damit, sie zeigt ihre Gedanken, ihre Schreibkompetenz, ihren Schreibstil. Und oft vergessen wir das eben, wenn wir einfach so über einen Text drüber bügeln, dass da eine Person dahinter steht. Und das ernst zu nehmen und eben hier einfach eine andere Feedbackkultur zu etablieren, wo ich auch mal vorher nachfrage:
Was an den Text gefällt dir selber schon gut? Was möchtest du verändern? Oder einfach auch frage: „Was für ein Feedback möchtest du gerade und was willst du hier nicht, was hier passiert?“ Also das ernst zu nehmen und dann eben Stück für Stück eine andere Feedback-Kultur aufzubauen.
Nadja (07:22)
Ich finde das sehr spannend, also als du gerade erzählt hast auch, dass es wichtig ist auszuhandeln. Wie geht man denn beim Schreiben vor? Wie kommt man zusammen? Und dass es keinen richtigen, keinen falschen Weg beim Schreiben gibt, sondern dass man sich darüber einfach erst mal austauschen muss. Da musste ich ganz ehrlich an eines meiner ersten großen, kollaborativen Schreibprojekte denken an der Uni.
Das ist tatsächlich, ich würde mal so jetzt aus meiner Schreibberaterinnenperspektive sagen, grandios schief gelaufen, weil wir uns genau darüber nicht verständigt hatten. Also meine Forschungspartnerin und ich, hatten zwei komplett unterschiedliche Wege, ans Schreiben zu gehen. Und das hat sehr, sehr geknirscht. Also ich war damals eine sehr planend vorgehende Schreiberin. Also ich hatte meine Teile – wir hatten das tatsächlich nach Kapiteln aufgeteilt und einfach gesagt: „Du schreibst jenes Kapitel, ich schreib dieses Kapitel.“ Und haben überhaupt keine Ahnung gehabt, dass wir eigentlich hätten darüber sprechen müssen, wie gehen wir vor, wie können wir das vielleicht auch gemeinsam machen, wie finden wir auch einen Schreibstil, der auch quasi der gemeinsamen klingt und nicht irgendwie diese Brüche hat.
Und deswegen fand ich das jetzt sehr spannend, dass du gesagt hast, das ist eigentlich so der Knackpunkt, mit dieses Aushandeln. Und wie gesagt, uns lief das nicht sehr gut und ich muss mich da auch selber an die eigene Nase fassen. Denn dadurch, dass ich halt so strukturiert vorgegangen bin, war ich früher fertig und ich habe mit einer eher entdeckend Schreibenden gearbeitet, die halt eben nicht mit diesem „Das ist dein Kapitel, das ist mein Kapitel und jetzt gehen wir an die Arbeit“ gut arbeiten konnte.
Eva (09:18)
Ich glaube, das Grundproblem liegt natürlich hier nicht bei euch, sondern bei Lehrenden, die diesen kollaborativen Prozess nicht angeleitet haben. Also wenn ich sagen würde in einem Seminar, ich lasse Studierende kollaborativ schreiben, dann würde ich ihnen erstmal erklären, was die Leitfragen sind, die sie klären müssen und ich würde ihnen einen Raum geben, wo sie das klären können. Und das wäre natürlich eine super Voraussetzung, dann auch im Beruf, im Team besser schreiben zu können, wenn es eben einfach
anders in der Uni etabliert wäre. Und das ist ja insgesamt das Problem, dass einfach dieses akademische Schreiben, was ich aber dann auch als Schreibkompetenz für den Beruf brauche, an den deutschen Unis nicht systematisch gelehrt wird.
Nadja (09:59)
Das hieß aber auch, im Prinzip bräuchten auch Unternehmen so was wie Schreibzentren, ⁓ die Mitarbeitenden auch anzuleiten, weil die kommen ja von der Uni und haben das nicht unbedingt gelernt und stehen aber vor dem tatsächlich dem großen Problem im Team nun einen guten Text produzieren zu sollen.
Und ohne Anleitung hast du gerade selber gesagt, da kommt es ja dann zu den Konflikten. Also bräuchte das Unternehmen selbst Textkompetenz oder Schreibkompetenz, die den Mitarbeitenden vermittelt wird. Entweder intern in Form eines Schreibzentrums im Unternehmen oder durch externe Schreibberaterinnen, Schreibdozentinnen, Trainerinnen, wie uns.
Eva (10:43)
Also auf jeden Fall denke ich, wäre das ein schöner Traum, wenn gerade die großen Unternehmen Schreibzentren hätten oder generell Kommunikationszentren. Also wo einfach die Mitarbeitenden ja eben auch eine Möglichkeit kriegen zu lernen, wie sie kommunizieren und schreiben ist eben ein Teil dieser Kommunikation. Also das glaube ich wäre eine schöne Sache. ob es das wirklich gibt, ist eine andere Frage.
Aber ich glaube vor allem, dass die Unternehmen dabei viel gewinnen könnten, weil eben so viele latente, gerade auch Rollenkonflikte über dieses gemeinsame Schreiben ausgehandelt werden, aber oft eine wenig konstruktive Art ausgehandelt werden. Und da kann das eben viel helfen, gerade so eine Kombination aus Schreibkompetenz und eben auch der Kompetenz einfach auszuhandeln, gemeinsam Lösungen zu finden und eben dabei auch zum Beispiel Rollen zu klären, Verantwortlichkeiten zu klären.
Dabei vielleicht auch einen Punkt ernst zu nehmen, den ich noch ganz wichtig finde, dass in einem Team, was das Schreiben angeht, wie auch bei jeder anderen Tätigkeit, nicht alle alles können müssen. Ich habe einmal ein Team begleitet, die so unzufrieden waren, weil die Rollen so komisch verteilt waren, wer was macht. Und ein Jahr später war ich wieder bei dem Team und habe sie gefragt, was sie verändert haben. Und sie haben gesagt, an den Abläufen haben sie gar nichts verändert. Aber sie sind jetzt zufrieden mit dem, weil ihnen jetzt klar ist,
Alle machen eigentlich genau das, was sie gut können und sie müssen diese anderen Aufgaben gar nicht können. Wenn eine gut vorstrukturieren kann, dann muss sie nicht den ersten Entwurf schreiben, das kann eine andere besser. Oder wenn eine hinterher nochmal irgendwie den Text sinnvoll überarbeitet, aber Schwierigkeiten hat, den ersten Entwurf zu schreiben, dann passt das gut, wenn eine andere Person ist, die das aber viel besser kann, den ersten Entwurf zu schreiben. Also dieses auch sich klar zu machen Schreibkompetenz im Beruf heißt nicht, dass alle alles können müssen, sondern dass das, wo die Einzelnen stark sind, auch gewürdigt wird und gesehen wird und dann alle noch mal entscheiden können, an welcher Stelle sie eben noch etwas lernen wollen, sich weiterentwickeln.
Nadja (12:49)
Das finde ich tatsächlich auch einen ganz wichtigen Aspekt. Dieses Gefühl, ich muss nicht alles können. Und tatsächlich dann auch zu sagen, das sind die Stärken der jeweiligen Person. Und wenn eben jemand gut im Strukturieren ist, dann muss die Person eben nicht, wie du sagst, noch gut sein, einen Erstentwurf zu schreiben. Es langt, wenn das jemand anders gut kann und dass man sich ergänzen kann. Finde ich nochmal einen ganz wichtigen Punkt.
Eva (13:17)
Ja, ich würde es einfach noch mal zusammenfassen, dieses Ernstnehmen, dass ich nicht nur, weil ich eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen habe, weiß, wie ich im Team schreibe, dass das ein Lernprozess ist und dass dieser Prozess Zeit braucht und eben vor allem diese Zeit vor dem Schreiben sich zu nehmen, auszuhandeln, eine Offenheit zu haben für unterschiedliche Vorgehensweisen und eine andere Feedbackkultur zu etablieren, wenn es die nicht schon gibt, die dann eben auch auf das Schreiben zu übertragen.
Nadja (13:46)
Wunderbar. Herzlichen Dank, Eva.
Ihr schreibt eure Berichte, Analysen, Gutachten im Team, gelangt nach sieben Abstimmungsrunden auch zu einem abgabereifen Text – doch irgendwie habt ihr das Gefühl: Das alles müsste harmonischer und effizienter gehen? Vereinbare mit uns ein kostenloses Strategiegespräch und wir schauen gemeinsam, wie sich das lösen lässt.
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